Warum nicht Vielfalt statt Toleranz?

Als ich über unsere Dokumentation Zweisames nach Interviewpartnern für die ARD-Toleranzwoche gefragt wurde, musste ich erst mal tief durchatmen. Stand da wirklich „Toleranz“ in der E-Mail? Meinten die das ernst?

Ich rief die Absenderin der E-Mail an und erntete die volle Ladung Klischees: Man wolle da also jemanden interviewen, der sich in einen Rollstuhlfahrer verliebt hat, also einen „Gesunden“, und dann rausfinden, ob das alles echt so total schlimm ist wie man sich das vorstellt. Vorher wolle man eine Umfrage auf der Straße machen und die Leute da so fragen, ob die sich das vorstellen könnten, mit einem der im Rollstuhl sitzt. Ob die sich in so jemand verlieben könnten. Und dann halt das Interview mit dem Paar aus unserem Dokumentationsprojekt…

Solche Presseanfragen kenne ich leider zur Genüge. Ob nun von Zweisames oder von meiner PR-Tätigkeit im Rollstuhltischtennis. Da wird seitens der Presse ständig an Querschnittlähmung gelitten, an den Rollstuhl gefesselt und sein Leben trotz Behinderung gemeistert. Dagegen konnten bislang weder mein im Zuge der Paralympics 2004 entstandenes Infoblatt noch leidmedien.de nachhaltig etwas ausrichten. Vielmehr müssen sich solche Initiativen dann des Vorwurfs der unnötigen politischen Korrektheit erwehren. Auf der anderen Seite wird aber weiter ein Klischee nach dem anderen bemüht.

Wir sind doch alle Menschen

Solche Presseanfragen machen mich erst wütend, dann traurig. Seit über 10 Jahren veröffentlichen wir unter www.2sames.de Kennenlerngeschichten von Paaren, bei denen einer der Partner behindert und einer nicht behindert ist. Seit über 10 Jahren versuchen wir damit zu zeigen, dass solche Beziehungen nicht nur möglich, sondern wie alle anderen Beziehungen auch sind: Menschen lernen sich in ihren Gemeinsamkeiten und in ihrer Verschiedenheit kennen, werden ein Paar. Manche bleiben zusammen, heiraten, bekommen Kinder. Andere trennen sich wieder, weil es doch nicht gepasst hat, oder einer von beiden jemand anderen kennengelernt hat. So wie bei allen anderen Paaren auch.

Diese Dokumentation hat vielen Menschen geholfen und deswegen haben wir sie weiter online stehen lassen, auch wenn wir sie mangels Zeit nicht mehr so aktiv betreiben können wie sie es verdient hätte. Zu viele Menschen berichten uns, wie ihnen die Geschichten dieser Paare Hoffnung geben. Entweder weil sie am Anfang einer ähnlichen Beziehung stehen und wegen der Vorurteile da draußen verunsichert sind, oder weil sie in einer bereits bestehenden Partnerschaft plötzlich mit dem Thema Behinderung konfrontiert werden und nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.

Das Feedback kommt also hauptsächlich von Menschen, die unser Thema selbst betrifft. Resonanz oder Medienanfragen außerhalb der Behindertenszene sind seit Beginn der Dokumentation selten. Und wenn, dann ähnlich sensationsgierig und vorurteilsbehaftet wie die zu Anfang genannte.

Warum „Toleranz“?

In den 10 Jahren seit Gründung von 2sames hat sich für die Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung in der Öffentlichkeit schon einiges verändert, anderes ist leider immer noch genauso. Dazu gehören leider auch die Klischees in den Medien, inklusive solcher Stilblüten wie die „Toleranzwoche“.

Tolerieren bedeutet Dulden. Menschen mit Behinderung sollen aber nicht geduldet werden, sondern endlich als gleichberechtigter Teil der Gesellschaft wahrgenommen werden. Wie Rothaarige, wie Schwaben oder Frisöre. Wie Blondinen, Franken oder wie Schornsteinfeger. Hat das bei der ARD wirklich niemand verstanden, bevor diese Aktion an den Start ging? Das Thema ist ja nun nicht gerade neu… Oder ist ein Miteinander nur dann hipp, wenn deutsche Paralympioniken gerade Medaillen gewinnen?

Warum hat die ARD diese Aktion überhaupt „Toleranzwoche“ genannt? Die einzelnen Beiträge, die da gesendet werden, sind ja nicht schlecht. Nur der Name der Aktion, der lässt eben zu wünschen übrig… Warum wurde nicht stattdessen die „Woche der Vielfalt“ ausgerufen? Frei nach Bill & Ted: „Bunt ist das Dasein und granatenstark!“ 😉

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1 Antwort

  1. 18. November 2014

    […] und sie musste da mal was loswerden. Ähnlich wie Ninia setzte sich auch Annette Schwindt mit einem Gastbeitrag auf Kein Widerspruch unter anderem mit dem Begriff Toleranz an sich auseinander. Und last but not least: die einfache […]