Anastasia Umrik

Anastasia Umrik

Anastasia Umrik

„Wissen Sie, ich bin eine sehr typische Frau: Ich liebe Schuhe, rote Lippenstifte und ich könnte stundenlang mit meiner besten Freundin über weltbewegende Themen diskutieren, das Verhalten eines Mannes analysieren und neue Diätpläne erstellen. Ich finde mich recht langweilig, wissen Sie, denn ich unterscheide mich mit keiner Eigenschaft von den mir bekannten Menschen! Mich bewegen dieselben Sachen, ich weine bei denselben Filmszenen, ich zweifle genauso selten oder oft an mir, und ich stelle mir mit dem Älterwerden immer öfter die Frage, ob ich Kinder haben möchte oder nicht. Aber die meisten Menschen… Ja, sie sehen erst einmal nur die Behinderung und den dazugehörigen Rollstuhl. Was ich fühle oder wofür ich – Anastasia – mich wirklich interessiere, das will im ersten Moment niemand wissen.“
Mit diesen Worten begann ich einen meiner Vorträge. Ich erzählte über absurde Erlebnisse aus meinem Alltag und distanzlose Fragen: „Hattest du eigentlich schon mal Sex?“ oder „Wie fühlst du dich hier im Raum als einzige nicht tanzen zu können?“ und ich fragte gleichzeitig das Publikum, ob ihnen diese Fragen ebenfalls als erstes durch den Kopf geschossen sind, als sie mich gesehen haben. Nicht direkt, aber alle Fragen drehten sich tatsächlich um die Behinderung… sagten sie ehrlicherweise.
Ich möchte keine von denen sein, die auf andere mit dem Finger zeigt und sagt: „Die Nichtbehinderten, die haben ja absolut keine Ahnung! Die unterdrücken behinderte Menschen und stellen nur blöde Fragen!“ Nein, das ist mir zu einfach, das kann jeder. So begann ich mich intensiv mit den gestellten Fragen auseinander zu setzen. Ich versuchte die Gedanken zu verstehen, die Neugierde nachzuvollziehen und darauf einzugehen. Ich begann die Leute offen aufzufordern ihre Fragen zu stellen, ihre Neugierde zu stillen – und sie stellten ihre Fragen. Und ich hinterfragte das Gefragte, um nachvollziehen zu können, woher diese Neugierde kommt…

Eines nachts kam mir eine Idee und seit dem folgen fast wöchentlich weitere. Ich rief zusammen mit einem kleinen Team die zwei Kampagnen ins Leben: anderStark und inkluWAS.

„anderStark – Stärke braucht keine Muskeln“ ist ein ehrenamtliches Projekt, bei dem Frauen und junge Mädchen, die eine muskuläre Erkrankung haben, zunächst fotografisch außergewöhnlich in Szene gesetzt wurden. Sie wurden in unterschiedlichen Lebenssituationen fotografiert, so dass man einen Einblick in das Leben einer körperlich eingeschränkten Frau bekommen hat. Heute ist anderStark viel mehr als nur ein Fotoprojekt.
Die Medien zeigen uns täglich Schönheitsideale: Perfekte, faltenfreie, auf Hochglanz polierte Körper. Überall,wo wir hinschauen, ob in Modemagazinen oder in der Fernsehwerbung, springen uns leichtfüßige Schönheiten entgegen. Auf welcher Titelseite erblickten wir je eine Rollstuhlfahrerin? In welchem Werbespot sahen wir eine glückliche Familie mit einem behinderten Familienmitglied? Unser bestehendes Schönheitsideal ist vorgeprägt und es ist nicht verwunderlich, dass wir vor dem ‚Anderssein‘ erst einmal zurückschrecken. Das Ziel unserer Arbeit ist, dass die Betrachter der Bilder schmunzeln, nachdenken und verstehen: Nur wir selbst erschaffen unsere
Realität und kreieren unser Weltbild zusammen. anderStark soll zunächst in einen gemeinnützigen Verein umgewandelt – und somit professionalisiert und ausgebaut werden. Es sind noch viele weitere Projekte geplant!
Seit einigen Monaten arbeite ich intensiv mit der Designerin Kathrin Neumann an der neuen Modekampagne „inkluWAS – wir reden nicht, wir machen“. Dabei geht es um ein Design, mit dem das Thema Inklusion auf eine ästhetische, moderne und leichtverständliche Art und Weise erklärt wird. Das Besondere an dem (ersten) Design ist, dass man von der Ferne eine Krawatte sieht, doch bei näherem Betrachten viele verschiedene Figuren erkennt. Die Figuren sind dick, dünn, klein, groß, stehen, sitzen im Rollstuhl oder schieben einen Gehwagen – sogar siamesische Zwillinge sind dabei. Das Motiv macht deutlich: Wenn jeder in der Gesellschaft so sein darf, wie er ist – mit allen Eigenarten, Erfahrungen, Macken und Fehlern, wird es interessant, spannend und bereichernd. Für uns alle! Das ist gelebte Inklusion.
Inklusion ist zurzeit ein sehr großes Thema, über das viel debattiert wird. Sowohl bei den Menschen mit Behinderung als auch in den Medien allgemein. Dabei geht es meistens um die Kostenfrage und die dazu erforderliche Umstrukturierung. Keiner weiß so recht, wie die Umsetzung funktionieren soll, klar ist jedoch: Die Zeit ist reif dafür! Wir sind der Überzeugung, dass Inklusion zunächst in den Köpfen stattfinden muss.
Ich möchte alle Menschen – egal ob mit oder ohne Behinderung, weiß oder dunkelhäutig, homo- oder heterosexuell – dazu ermutigen, Fragen zu stellen und Fragen zu beantworten. Wir lernen alle von einander! Und das, liebe Freunde, ist kein Widerspruch!

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