Laura Gehlhaar

Laura Gehlhaar

Laura Gehlhaar

Es gibt Menschen, die glauben, dass ich allein durch meine Erscheinung als Rollstuhlfahrerin eine Inspiration sei. Dann werde ich für alltägliche Dinge, die jeder andere normale Mensch auch einfach so tut, gelobt und gefeiert. Während meines Studiums der Sozialpädagogik und Psychologie fand es jeder wahnsinnig toll, dass ich studiere, obwohl ich genau das mache, was meine 260 Kommilitonen auch taten: Lernen, Kiffen und Prüfungen schreiben. Der U-Bahnfahrer, der mir jeden morgen die Rampe vor die Bahn legt, lobte mich erst letzte Woche zum wiederholten mal, wie stark es wäre, dass auch ich arbeiten gehe. Wenn ich feiern bin, ernte ich Sprüche, wie “Toll, dass du auch weggehst! Du inspirierst mich!” Was soll ich darauf antworten? Soll ich diese für mich komische Art von Anerkennung zurückgeben, indem ich sage: “Ich finde es auch toll, dass du feiern gehst!”?

 

Fremde klopfen mir anerkennend auf die Schulter allein deswegen, weil ich existiere. Und genau in diesem Moment fühle ich mich zum Objekt degradiert. In diesem Augenblick verschwinden mein Charakter, meine Eigenschaften und mein Wesen hinter meiner Behinderung. Es kommt mir so vor, als ob mir mit meiner Behinderung ein grundlegend schweres Leben unterstellt wird. Leute glauben dann, dass zu einer Behinderung eine extra Portion Mut oder Stärke dazugehören muss, um all das zu machen, was sie auch tun. Dadurch werden mir normale, alltägliche Dinge hoch angerechnet und somit als Inspiration verschrieben. Mir ist bewusst, dass diese Menschen es eigentlich nett meinen. Aber letztendlich ist es nur nett für sie selbst, denn ich habe bewusst nichts zu dieser Inspiration beigetragen.

 

Wenn ich sogar einen Schritt weiter gehe, behaupte ich, dass meine Behinderung in solchen Situationen als eine Art ,fühl-dich-gut‘-Tropfen für andere herhalten muss. Diese Leute neigen zu denken: “Nun, wenn diese Frau im Rollstuhl studieren oder sich auf Parties amüsieren kann, sollte ich mich nicht beklagen.” Oder: “Es könnte schlimmer sein. Ich könnte auch im Rollstuhl sitzen.”

 

Ich behaupte mal, dass ich eine sehr gute Menschenkenntnis habe, die reicht, dass ich die Gedanken des Einzelnen oft schon von den Augen ablesen kann. Und wenn ich dann gesagt bekomme, ich sei eine Inspiration, weil derjenige eigentlich denkt, dass er/sie auf keinen Fall so leben könnte, muss ich innerlich schreien.

 

Mich beeindruckt so schnell auch niemand, der einfach nur rote Haare hat, besonders klein ist oder nur einen Arm hat. Für mich sind das lediglich Eigenschaften, die einen Menschen auf bestimmte Art und Weise ausmachen können, in bestimmten Tätigkeiten oder Situationen beeinflussen können. Mal mehr, mal weniger. Letztendlich liegt es in der Verantwortung, was die-/derjenige aus diesen Eigenschaften macht. Es ist das, was jemand aus seinen roten Haaren macht. Vielleicht sind es extravagante Frisuren, die andere Leute inspirieren eine ähnliche Frisur auch mal auszuprobieren oder ein Gedicht über diese außergewöhnliche Frisur zu schreiben.

 

Es hat mich viel Zeit gekostet, um solchen Reaktionen locker entgegenzutreten. Am Anfang meiner Rollstuhlkarriere war ich überwältigt, wie viel Aufmerksamkeit ich von fremden Leuten bekam. Wenn mir jemand aus dem Nichts sagte, wie stark oder mutig ich sei, war ich geschmeichelt. Wer inspiriert nicht gerne andere Menschen, ohne etwas dafür geleistet zu haben? Mein Job war einfach: Ich tauchte irgendwo auf und war eine Heldin. Aber irgendwann ging mir genau diese Aufmerksamkeit tierisch auf die Nerven. Gerade zu dem Zeitpunkt, wo ich mich an meine neue Position gewöhnt hatte und sie für mich eine normale Gegebenheit wurde. Ich wollte einfach nur in Ruhe in irgendeinem Club tanzen, mit der Bahn zur Arbeit fahren oder im Supermarkt einkaufen gehen. Eben all die Dinge machen, wie andere Leute auch. Und auf einmal machten mich solche Inspirationsausbrüche sehr wütend. Dann bekamen die Leute einen vorlauten Spruch von mir gedrückt oder ich strafte sie mit bösen Blicken. Und was passierte? Auf einmal war ich für alle die frustrierte, undankbare Behinderte, die ein leidliches Leben führen muss. Mit dieser Art bestätigte ich nicht nur das kümmerliche Leben eines Menschen mit Behinderung, sondern ich machte auch noch alle wütend. Am meisten mich selbst.

 

Heute habe ich eine für mich gut funktionierende Balance gefunden. Wenn mir jetzt jemand seine Hand auf die Schulter legt und mir stolz verkündet, ich würde ihn/sie inspirieren, bedanke ich mich höflich, nachdem ich unauffällig meine Schulter weggezogen habe und sage: “Warum? Ich gehe nur einkaufen. Genau wie Sie auch.”

 

Der erste Mensch, der sich allein durch meine Behinderung inspirieren lassen kann, bin ich selbst. Meine Behinderung bringt mich womöglich in außergewöhnliche Situationen und Lebenslagen. Irgendwann kam ich darauf, mich genau davon leiten zu lassen und aufzuschreiben, wie ich mein Leben mit meiner Behinderung wahrnehme, erlebe und belebe. Meine Behinderung allein sollte nicht reichen, um andere Menschen zu erleuchten, denn ich habe nichts geleistet um sie zu erwerben. Es ist nur eine Eigenschaft, wie rote Haare.

 

Laura Gehlhaar: Twitter | Webseite