Michael Herold

Michael Herold

Michael Herold

 

Wenn mich meine Behinderung eine Sache gelehrt hat, dann diese: sie hat mir beigebracht, zu träumen.

Damals als Kind, wenn meine Freunde auf Bäume kletterten während ich unten sass – und Pläne malte für das spektakuläre Baumhaus das ich bauen würde (Aufzug und Wachturm inklusive).
Wenn sie Fangen spielten und ich derjenige war, der „den Stützpunkt bewachte“ weil ich da draussen auf dem Spielfeld die gleichen Überlebenschancen gehabt hätte wie eine Flasche Cola auf einem Kindergeburtstag.
Wenn sie mit ihren BMX-Rädern durch das Gelände fuhren während ich mein weisses Damenrad (da lässt es sich leichter aufsteigen) schon bei der kleinsten Steigung schieben musste – und mir ausmalte wie ich irgendwann mit einer Motocross-Maschine an allen vorbei schiessen würde.

Als Jugendlicher, wenn meine Freunde Motocross-Maschinen fuhren und ich auf meinem Mofa hinterher getuckelt kam – und davon träumte, dass alles anders sein wird wenn wir erstmal Autos haben.
Wenn sie in der Disco auf die Tanzfläche sprangen und ich mich in der Bar an der Theke festklammern musste um nicht umgerempelt zu werden – und davon träumte von schönen Frauen umringt zu sein wenn meine Freunde verschwitzt vom Tanzen zurück kämen.

Träume ziehen sich wie ein Pfad durch mein Leben. Ein Weg der sich auf Umwegen um Hindernisse windet, immer dem Ziel entgegen: Endlich tun zu können was ich möchte, ohne weiter von meiner Muskelerkrankung eingeschränkt zu sein.

Wie falsch ich damit lag. Meine Behinderung war nie eine Einschränkung, sondern ein Geschenk. Ich musste erst sehr tief fallen, um das zu verstehen.

Vor ein paar Jahren hatte ich eine sehr schwere Zeit. Ich war gerade arbeitslos geworden, meine Muskelerkrankung war weiter fortgeschritten und es ging mir körperlich schlechter als je zuvor. An einem regnerischen Morgen nahm ich ein Blatt Papier und einen Stift. Ich schrieb all die Dinge auf, die ich tun würde wenn ich gesund wäre. All die Träume, die sich über die Jahre angesammelt hatten.

Als diese lange Liste fertig war wurde ich zuerst traurig und dann wütend. Da waren so viele Dinge die ich tun wollte – und konnte es nicht. Und ich würde es niemals können.

In dem Moment hat es in meinem Kopf geschaltet, aus Wut und aus Trotz. Und weil ich es satt hatte, immer nur zu träumen. Ich beschloss, das alles zu versuchen. Wenn ich damit unterginge und versagen würde dann sei das so, aber ich würde nicht eher aufgeben bis ich wieder und wieder ins Gesicht gesagt bekäme, dass das nun mal nicht geht. Und vor allem würde ich nicht mehr länger auf diese innere Stimme hören, die mir sagt ich kann das alles nicht.

Der grösste und auch älteste meiner Träume war, in einem Flugdrachen zu fliegen. Ich hatte diesen Traum seit ich ein kleiner Junge im Kindergarten war. Mit dem wollte ich anfangen. Ich rief über Wochen bei Flugschulen und Vereinen an und schilderte meine Lage – immer mit dem Ergebnis, dass es nicht ging weil “du schon ein paar Schritte rennen musst.” Wieder und wieder die gleiche Absage. Irgendwann dann aber: “Ja klar, das kriegen wir irgendwie hin. Hast du am Sonntag Zeit?”
An diesem Sonntag segelte ich auf 1000 Meter Höhe in einem Flugdrachen. Ein Tandemflug, denn in Deutschland braucht man dafür einen Flugschein. Dort oben war absolute Stille – es gab es keinen Lärm, keine Autos, keine Telefone – nur den Wind, der mir ins Gesicht blies. Unter mir die weite Landschaft, Menschen so klein, dass man sie gar nicht mehr sah. Und selbst die Vögel, die vorher so hoch zu fliegen schienen, waren nur noch kleine weisse Punkte weit unter uns. Dann ist etwas passiert womit ich nicht gerechnet hatte: der Pilot schaute zu mir und sagte: “Na los, nimm das Steuer, du fliegst jetzt mal.” – Wenige Augenblicke in meinem Leben haben mir den Atem geraubt wie die folgenden Minuten. Ich war wieder der kleine Junge, der endlich flog, obwohl er sein Leben lang dachte er würde das nie können.

In diesem Moment habe ich erkannt, dass das einzige was zwischen mir und meinen Träumen steht, die Barrieren sind die ich mir einbilde. Nach diesem Tag habe ich nie wieder geglaubt, meine Träume nicht erreichen zu können.

Ein halbes Jahr später bin ich nach Neuseeland geflogen, um dort zu leben und zu arbeiten und habe zwei Jahre lang für Nickelodeon an “Die Pinguine von Madagascar” und “Kung Fu Panda” animiert. Ich habe Menschen getroffen, die ich mein Leben lang kennen lernen wollte. Ich war Tanzen, Tauchen und Fallschirmspringen. Ich bin von Aussichtstürmen gesprungen und mit einem Kunstflugzeug durch eine Airshow geflogen. Ich habe mich am Surfen und am Jetski versucht (und bin froh darüber, dass das niemand gefilmt hat). Und so vieles mehr.

Irgendwann sass ich in der Mittagspause am Strand, und mir ist die Liste wieder eingefallen die ich damals geschrieben hatte. Es fühlte sich an, als wäre das in einem anderen Leben gewesen – alles hatte sich seit dem geändert. Und dabei war es nichtmal ein Jahr her. Ich hatte eine Kopie der Liste auf meinem Handy, und las sie mir dort am Strand noch mal durch.

Ich hatte jeden einzelnen Punkt auf dieser Liste getan.

Jetzt schreibe ich eine neue Liste mit Träumen, und diesmal weiss ich, dass alles darauf in Erfüllung gehen wird. Nicht, „obwohl“ ich eine Behinderung habe. Sondern gerade deswegen. Denn meine Behinderung hat mich viel gelehrt – vor allem das Träumen.
Aber auch, dass nicht ewig Zeit ist. Mit einer fortschreitenden Muskelerkrankung bei der ich nie weiss, wie lange mir meine Mobilität noch bleibt, schiebe ich nichts auf. Sage nie, “Das tue ich irgendwann mal.”
Auch habe ich mein Leben lang gelernt, andere um Hilfe zu bitten und verstanden, wie gerne Menschen bereit sind anderen zu helfen. All das hilft mir mehr in meinem Leben als die körperliche Kraft und Ausdauer die andere haben und ich nicht.

Einige der Punkte auf meiner Traumliste v2.0: meinen eigenen Flugschein zu erhalten, eine Kampfsportart zu erlernen, mit Haifischen zu tauchen, Asien zu bereisen, und zu schreiben und Vorträge zu halten um den Menschen endlich zu zeigen: Barrieren sind nur in unseren Köpfen!

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