Ninia LaGrande

Ninia LaGrande

Ninia LaGrande

I
Was ich hasse

Liebe Miley Cyrus, mit einer Band aus Kleinwüchsigen aufzutreten, wäre in der Tat ein ganz und gar großartiges Zeichen. Wirklich. Wenn da nicht der kleine Haken wäre, dass die Band ihre Instrumente nicht selbst gespielt hat. Und wenn der du Frau mit der glänzenden Leggins nicht alle 3 Sekunden lachend auf den Po hauen würdest. Und wenn ich als Zuschauerin an sich nicht den Eindruck gehabt hätte, dass dieser Auftritt eher einer Zirkusaufführung aus dem 19. Jahrhundert ähnelt. Liebe Miley Cyrus, ich weiß, dass du live nicht wirklich singen kannst, aber bitte, bitte, versuch deine Aufmerksamkeit doch anders zu bekommen, als auf diese Art und Weise.
Liebes Sat.1, erst einmal ein großes Pfui: Den Titel einer Sendung von einer anderen Sendung quasi zu kopieren, ist nicht nett. Und mit ein bisschen Nachdenken hättet ihr möglicherweise merken können, dass sich „Die große Welt der kleinen Menschen“ nicht wirklich besser anhört als „Kleine Leute, große Welt“. Ihr möchtet Kleinwüchsige bei ihren alltäglichen Herausforderungen begleiten. Aha. Laut eurer Sendung sind die alltäglichen Herausforderungen von kleinen Menschen also: Wie klettere ich möglichst unelegant in eine Kühltruhe im Supermarkt? Und: Wie schlage ich mitten im Wald Holz, ohne dabei auszusehen wie ein Zwerg im Märchen? Dazu spielt ihr Songs. Step by Step und die Titelmelodie von Schneewittchen. Stimmt. Ich erkenne mich sofort wieder! Ich denke den lieben langen Tag über nichts anderes nach, als darüber, wie ich nachher wieder in die Kühltruhe klettern werde. Liebes Sat.1, wenn ihr tatsächlich mal jemanden mit täglichen Herausforderungen zeigen wollt, dann ruft doch das nächste Mal Chuck Norris an. Das könnte interessant werden.
Lieber Eric Janssen, vor laufender Kamera einen Menschen mit „Und das ist unser Kleinwüchsiger“ vorzustellen, ist, nun, nennen wir es, fragwürdig. Diesen Menschen dann aber auch zu engagieren, damit er sich von hundert völligen Weichköppen durch die Disko jagen lässt, ist, nun, nennen wir es, absolute Scheiße. Erniedrigender kann man mit Menschen wahrscheinlich nicht umgehen. „Aber der hat ja freiwillig mitgemacht!“ sagen sie? Oh, wie schön! Es wär ja noch besser gewesen, wenn sie ihn dazu gezwungen hätten. Lieber Eric Janssen, Sie, diese Mist-Agentur, die sich das ausgedacht hat und auch der Mann, der sich jagen lässt, haben alle nichts verstanden. Bilder sind eine mächtige Sprache. Und wenn sich bei den Diskobesuchern das Bild einprägt, es wäre ok, über kleine Menschen zu lachen, geschweige denn, sie sogar zu jagen, dann ist das die ekelhafteste Sprache, die sie benutzen können.

 

II
Was ich will

Was ich will, sind keine Schlagzeilen à la „Tapfer meistert sie ihr Schicksal“, „Er leidet unter seiner Behinderung“, „Er ist an den Rollstuhl gefesselt“, „Sie führt ein Leben in absoluter Dunkelheit“, „Mutig, wie dieser Mann sein Leben führt“… und bitte, was ich nie, nie wieder lesen will ist „Kleine Frau ganz groß“. Strengt euch doch mal ein bisschen an – lernt den Menschen hinter der Behinderung kennen. Es gibt so viele Dinge, die Menschen ausmachen. Aber aus all denen, sucht ihr immer das gleiche aus. „Weil die Leser das so wollen!“, sagt ihr? Ich sage: „Weil es so einfach ist.“ Die Leser wollen Geschichten. Und gute Geschichten verdienen kreative Überschriften. Und keine Retortenscheiße.
Was ich will, sind mehr Menschen wie die großartige Christine Urspruch und der fantastische Peter Dinklage im Fernsehen. Was ich will, sind Hauptrollen für Schauspieler mit Behinderung. Hört mir auf mit dem besten Freund, dem ein Bein fehlt oder der besten Freundin, die gehörlos ist. Ich bin müde von all den langweiligen Sidekicks, nur damit ihr behaupten könnt: „Aber wir hatten auch einen Menschen mit Behinderung im Cast!“ Lasst sie die große Liebe treffen oder die ganz große Katastrophe überleben. Lasst sie Abenteuer meistern und den Endboss besiegen. Lasst sie endlich wichtig sein!

III
Was ich mir wünsche

Was ich mir wünsche, sind Film- und Fernsehformate, in denen keine positive Diskriminierung mehr stattfindet. Was ich mir wünsche, sind viel mehr Auftritte von Menschen mit Behinderung, die auftreten, weil sie es können und nicht weil sie von anderen heroisiert werden. Was ich mir wünsche, ist eine Umerziehung der deutschen Fernsehzuschauer. Liebe Medienmacher, euer langweiliges Argument „Die Zuschauer wollen das aber so“ hat ausgedient. Sie wollen nur das, was sie kennen. Wie sollen sie etwas wollen, das sie noch nicht kennen? Ihr habt Macht, also macht etwas Gutes mit ihr. Ich wünsche mir mehr Bewusstsein für Diskriminerungen und Benachteiligungen. Ich wünsche mir weniger „Von oben herab“-Gelaber aus einer priviligierten Super-Position. Und ich wünsche mir mehr Verantwortungsbewusstsein bei allen Beteiligten.

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