Steffi

Steffi

Steffi

Gleich nach meiner Geburt hatte ich eine Netzhautablösung. Nach 7 erfolgten Operationen konnte diese teilweise gestoppt werden. Meine Sehfähigkeit lag auf einem Auge bei ca.20%. Das ist schwer vorzustellen und auch zu erklären. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich so wenig sehe. Durch meine Geschwister, die alle normal sehen können, wurde da in meiner Familie auch nie ein großer Unterschied gemacht.
In den nächsten Jahren gab es immer mal wieder Operationen an beiden Augen.

Ich wurde größer, erlebte gute und schlechte Zeiten und machte schließlich 1997 meinen Realschulabschluss.
Was nun? Ich hörte von der Möglichkeit, dass man in Nürnberg Masseur und med. Bademeister lernen konnte. Das war zwar nicht mein Traumberuf aber ich dachte mir, ich versuch es mal. Sollte ich es nicht schaffen, kann ich ja noch was anderes lernen.
Ich schaffte den Abschluss mit gut, ging nach Berlin zurück und arbeitete dort 6 Monate als Masseurin. Dann wurde ich leider das erste Mal arbeitslos und es war auch nichts neues zu finden.
So kam es, dass ich im Februar 2002 mit dem Aufbaukurs zum Physiotherapeuten in Nürnberg begann und im Sommer 2003 abschloss. Ich blieb in Nürnberg, da ich eine Stelle hatte. 2006 ging der Besitzer der Praxis in den Ruhestand. Ich hatte die Möglichkeit die Praxis zu übernehmen, entschied mich jedoch aus wirtschaftlichen Gründen dagegen…
Da stand ich ohne Job. Ich schrieb ca. 200 Bewerbungen, bekam einige Absagen, oft nicht mal eine Rückmeldung.
Jetzt gab ich auf und dachte mir: Wenn ihr mich nicht als Physiotherapeut wollt such ich mir was Anderes…!
Das klingt natürlich leichter, als es ist. Ich begann mit einem Aushilfsjob am bbs-nürnberg, ging dann zum Erfahrungsfelt zur Entfaltung der Sinne und bediente dort im Dunkelcaffee. Dort blieb ich bis 2009. Während dieser Zeit lernte ich, dass ich meine „Behinderung“ annehmen muss, um im Leben weiter zu kommen. Das ergab sich dadurch, dass ich jeden Tag Fragen darüber beantworten musste, wie es denn sei Blind zu sein, wie man denn die einfachsten Dinge des Alltags bewältigt …
Ich dachte immer, ich komme mit meiner Blindheit gut klar… Da lag ich falsch.
Die Arbeit im Dunkelcaffe belehrte mich eines besseren und ich begann mich und mein Leben von einer anderen Seite zu betrachten.
Das war im Nachhinein das Beste, was mir passieren konnte. Ich wurde aber in dieser Zeit auch mit den Vorurteilen konfrontiert, die in der Bevölkerung so herum geistern. Das ist heute nicht unbedingt anders, nur gehe ich damit anders um als noch vor 5 Jahren. Ich weiß heute, dass es die Unsicherheit im Umgang mit Blinden oder anderen behinderten Menschen ist. . Jeder sollte sich an dieser Stelle mal fragen: Wie behindert muss man sein, um normal zu sein?

2008 wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, für einen Job 4 Wochen Fortbildung zu machen… Ich sagte natürlich ja und so bewarb ich mich, bekam die Stelle und ging 2009 nach Düren um mit 2 Kollegen am train the Trainerkurs für zukünftige MTU-Ausbilder teil zu nehmen.

Da standen wir nun vor der riesen Aufgabe nach den 4 Wochen Kompaktseminar einen Ausbildungsgang am bbs-nürnberg auf die Beine zu stellen. Da das noch ein sehr neuer Berufsweg für blinde Frauen war und ist, mussten wir uns erstmal in die Materie hinein arbeiten. Ich hatte keine Ahnung, wie man jemanden was vermittelt. So stellte ich mir die Frage: Wie hättest du es für dich gern, wenn du den Kurs machen würdest? Das war eine schwierige aber auch sehr lehrreiche Zeit. In diesen 9 Monaten bin ich fast jeden Tag an eine andere meiner Grenzen gestoßen. .

Dann war es soweit! Ich fuhr mit meiner Schülerin zur Prüfung. . Ich glaub, ich hatte mehr Angst, es könnte etwas schief laufen als sie.
Es ging alles gut, Sie bestand mit einem sehr guten Ergebnis und wir fuhren überglücklich wieder nach Nürnberg.
Der Kurs war vorbei. Zu dieser Zeit dürfte ich nicht als MTU arbeiten sondern „nur ausbilden“. Ich wollte aber auch in den Praxisbetrieb. Es gab einige Gespräche und Diskussion aber ich bekam meine Chans. So begann ich mit dem Praxispraktikum und fuhr dann im März 2011 nach Düren um meine Prüfung vor der Ärztekammer ab zu legen. Ich bestand.
Seit April 2011 bin ich jetzt in der Praxis (Dr. Sattler in Gunzenhausen) angestellt und möchte den Job als MTU nie mehr missen. Das war ein wirklich hater aber auch aufregender Weg und ich habe in diesen Jahren so viele tolle Begegnungen werend der Arbeit mit den Frauen gehabt, die zu mir zur Untersuchung kommen.
Als MTU (medizinische Tastuntersucherin) ist es natürlich meine Aufgabe, Brustkrebs so früh wie möglich zu erkennen, aber auch die Aufklärung der Frauen über die Entstehung von Brustkrebs im Allgemeinen. Darüber hinaus bin ich für sie auch noch eine Zuhörerin, bei der sie all ihre Sorgen und Ängste mal loswerden können.
Mein Job zeigt mir jeden Tag, dass wir alle die gleichen Ängste, Sorgen, Fragen und Nöte haben, mit denen wir durch das Leben gehen.
Ich habe für mich gelernt, dass es sich lohnt, mal ein Risiko ein zu gehen und sich auch mal auf was
ganz neues einzulassen.

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